Bakterien und der Wasserwechsel...

Einrichtung, Fütterung, Bodengrund und mehr...
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Verena
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Bakterien und der Wasserwechsel...

Beitrag von Verena »

Hallo,

immer wieder höre ich , daß viele glauben, daß sie ihre wichtigen Bakterien verringern, wenn sie einen Wasserwechsel machen.
Mitunter wird es ihnen sogar im Handel erzählt.

Ich möchte hier ganz deutlich sagen:

Das ist FALSCH.

Die Bakterien, die ein Aquarium benötigt, um für Fische giftige Stoffe in ungiftige abzubauen schwirren nur in vernachlässigbaren Mengen im freien Wasser herum.
Sie sitzen ansonsten auf sämtlichen Oberflächen im Aquarium.

Sprich im Filter ( daher soll man ja auch Filtermaterial wählen, was porös ist, also eine groooooße Oberfläche bietet), auf/ im Bodengrund, auf Steinen, Pflanzen, Holz etc.

Im Wasser befinden sich eher Bakterien, die den Tieren nicht gut tun.
Neben Dünger, Abfallstoffe und natürlich auch anderes wie z.B. Huminsäuren etc.

Ganz klar gesagt:
Wenn ihr Wasser wechselt, verändert ihr zwar mitunter den pH, die Schadstoffkonzentrationen, Düngermenge und vieles mehr, aber ihr nehmt so gut wie keine wichtigen Bakterien mit heraus.
Ein korrekt durchgeführter Wasserwechsel schadet dem System also nicht. 🙂

Was ihr NICHT machen solltet:
Filterreinigung inklusive Mulmabsaugen!

Denn hier nehmt ihr aus 2 Substraten Bakterien heraus und das kann eventuell zu Problemen führen.
Neben Ammoniak/ Nitrit kann auch eine Bakterienblüte auftreten ( weißlich trübes Wasser).

Macht also entweder einen Wasserwechsel und saugt dabei Mulm ab, ODER macht den Filter sauber.

Ich wechsel bei einer Filterreinigung auch Wasser.
Ich verringere ja die Bakterienanzahl im Filter, also schadet es m. M. n. nicht, wenn ich auch das Wasser durch einen WW ( Wasserwechsel) von belastenden Stoffen befreie.

So verfahre ich seit 20 Jahren und es hat sich bewährt. 🙂

Vorrausgesetzt das zur Verfügung stehende Wasser ist gut, bin ich ein Fan von vielem Frischwasser.

Ihr braucht also keine Angst haben, daß Euer Aquarium Schaden nimmt, falls ihr mal die Hälfte oder sogar mehr Wasser wechselt.

Eure wichtigen Bakterien treiben sich ganz woanders rum. 🙂

LG Verena
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wasserwechsel1.jpg
Hat das Blümchen einen Knick,
war die Hummel wohl zu dick.... :kicher:

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Tobias
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Re: Bakterien und der Wasserwechsel...

Beitrag von Tobias »

Hallo Verena und alle anderen,

ich muss dir oben ein Stückweit widersprechen, sorry. Mit dem Abmulmen entferne ich Bakterien und mit der Filterreinigung entferne ich Bakterien, aber mit dem Wasserwechsel eher nicht. Das ist aber nicht das Problem, eher im Gegenteil:

Ein Bakterium, das in einem Bakterienrasen rumliegt, dicht an dicht mit seinen "Geschwistern" arbeitet auf Sparflamme. Wozu sollte es sich anstrengen, viel Energie und Material ansammeln, wenn sowieso kein Platz da ist, um sich zu teilen. Ein solches Bakterium nimmt also nur so viel Ammonium oder Nitrit auf, dass es seine Masse erhalten kann und strengt sich darüber hinaus nicht an. So ein schnarchiges Bakterium hat quasi keinerlei Effekt fürs Aquarium.
Anders ist es bei einem Bakterium, das auf einem hübschen Filtersubstrat sitzt, das quasi leer ist. Hier kann es sich nach Belieben vermehren, aus seinen Klonen einen tollen Bakterrienrasen bilden und so richtig einen drauf machen. Dafür braucht es Energie und Nährstoffe, also muss es Nitrit oder Ammonium aufnehmen und oxidieren und wird damit Nitrat produzieren. Klasse, dieses Bakterium ist produktiv und wirkt sich positiv aufs Aquarium auf.

Was bedeutet das im Aquariumsystem: Ein lange laufender Filter ist voll mit Bakterienkulturen, alle besiedelbaren Oberflächen sind besetzt, der Mulm ist voll besiedelt, ein plötzlicher Ammoniumanfall, der über das Gewohnte hinausgeht, kann nicht bewältigt werden, da die Bakterien alle ihre Filzpantoffeln anhaben und auf dem Sofa gammeln. Kippe ich das Substrat in einen Eimer, wasche ich den Mulm kurz aus und reibe die einzelnen Körnchen aneinander, lösen sich viele Bakterienrasen. Die werden weggespült und landen entweder im Ausguss oder als Tropfwasser unten im Filtertopf. Keine Sorge, es sind noch genug Bakterien da, um aus unerreichten Stellen das Substrat neu zu besiedeln. Und genau das machen sie. Sie tauschen -bildlich gesprochen- die Filzpantoffeln gegen den Blaumann und fangen an zu rackern. Sie nehmen Nährstoffe auf, oxidieren sie und nutzen die Energie, um Eiweiße, Fette und Nukleinsäuren aufzubauen und sich zu teilen. Bis irgendwann jedes Bakterium dann doch wieder an allen möglichen anderen Ecken an andere Bakterien grenzt und die Aktivität runter fährt. Dann ist es Zeit, den Filter wieder zu reinigen oder zumindest mal kurz in Bewegung zu bringen.

Wieso merken wir das im Normalbetrieb nicht? Ein Filter, der gerade frisch gereinigt wurde und viel Siedlungsraum hat, müsste doch wesentlich mehr Ammonium und Nitrit aufnehmen und abbauen, als ein alter, verschmutzter? Tut er in der Praxis aber nicht. Denn Bakterien sind nicht die einzigen Bewohner. Wo Bakterienmatten entstehen, finden sich früher oder später Tiere ein, die Bakterienmatten lecker finden. Das können andere Bakterien sein, Einzeller von der Amöbe bis zum Pantoffeltierchen, mikroskopische Würmer, Schnecken, sogar Garnelen und Fische fressen Bakterienrasen. Überall da, wo jemand langläuft, kriecht oder schwimmt und ein Stück Bakterienrasen futtert entsteht ein Neubaugebiet und die angrenzenden Schnarch-Bakterien packen wieder den Blaumann aus und legen los.

Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: Die Unordnung des Systems nimmt immer weiter zu. Das ist ein Gesetz der Thermodynamik und trifft daher auch für das Aquarium zu. Gibt es keinen Mulm, kann er nicht besiedelt werden. Fällt nach einem sehr gründlichen Wasserwechsel mit extremem Mulmabsaugen irgendwann die erste Mulmflocke an, wer ist da? Die Bakterien. Mulm ist ein toller Ort für Bakterien: seine Oberfläche ist extrem zerklüftet, d.h. sie bietet viel Raum zum Siedeln. Er besteht zumindest teilweise aus stark vernetzten und langkettigen Kohlehydraten. Mit den richtigen Verdauungsenzymen liefert er also Energie. Er ist leicht, wird also regelmäßig verdriftet, bekommt also andersrum auch immer frisches Wasser mit Sauerstoff, Ammonium oder Nitrit. Und vor allem: Da, wo ein Mulmflocken herum liegt, kommen meist weitere dazu, der Platz zum Besiedeln wächst quasi von selber an: keine Grenzen für das Bakterienwachstum, die Jungs rackern ständig, und machen nebenbei das Wasser lebensfähig.

Jetzt kommt Verena oder ich oder sonst jemand und folgt meinem Ratschlag: "Nichts ist besser als Wasserwechsel, außer einem größeren Wasserwechsel". Ich pumpe Wasser ab, fülle Leitungswasser ein. Die Temperatur ist anders, die Wasserchemie hat sich etwas verändert, Chlor- bzw. Hypochlorid-Reste sind dabei. Die Bakterien machen erst einmal Schluss und räumen ihre Produktion um. Sie brauchen etwas, um sich auf die anderen Umweltbedingungen anzupassen, das trifft nicht nur auf die Bakterien zu, sondern auch auf viele andere Mikroorganismen.
Einige Bakterien schaffen es besser, sie legen fast sofort mit dem los, was sie vorher schon gemacht haben. Die meisten brauchen einige Zeit, in der sich die Fixen einen Vorsprung erarbeiten konnten und einige werden es nicht schaffen. Sie liefern dann den Fixen Siedlungsraum und Nährstoffe. Was aber fehlt sind großflächig neue Siedlungsräume. Wir brauchen nach einem Wasserwechsel Bakterien, die sich ungehindert teilen können, um Ammonium- oder Nitritspitzen abdecken zu können. Wo gibt es die?
Dort, wo wir sauber machen. Scheiben werden bald mit neuen Biofilmen besiedelt, rührt man im Bodengrund, reiben die Steinchen aneinander, Biofilme werden entfernt und so weiter.
Ein wenig im Boden wühlen, ja sogar nur oberflächlich mit den Fingern an ein paar Orten durch den Sand gehen, reicht völlig. Ist eh ne gute Kontrolle, ob der Boden keinen Mist macht.

Und was bedeutet das jetzt für mich als Aquarianer? Mach weiter, wie bisher. Deine Fische und Garnelen leben noch, soviel hast du offenbar nicht falsch gemacht. Hier geht es eher um die Denkweise: Auch ein Filter mit Bakterienrasen beinhaltet weitaus mehr, als nur Bakterien, die da sitzen und arbeiten. Die sind nämlich genauso faul wie wir: Wenn es keinen Grund zum Arbeiten gibt, lassen sie es. Zum Glück gibt es eine Reihe ungenannter Helfer, die den Bakterien immer wieder neue Gründe geben - und sei es, dass sie den Nachbarn fressen.

schöne Grüße

Tobias
Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt,
ist es besser, viel besser als man glaubt...

Du hast den Ruß abgewaschen, und deine Öfen sind kalt!
Doch deine Zechen sind voll Leben,
hier wird getanzt, gelacht, das Morgen ausgedacht.
Gefördert wird, was lebt!

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Verena
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Re: Bakterien und der Wasserwechsel...

Beitrag von Verena »

Hallo Tobias,

entweder stehe ich auf dem Schlauch, oder wir sagen beide dasselbe.
Der eine kürzer, der andere ausführlicher.

Wo widersprichst du mir denn, ich finde das nicht? :??:

Liebe Grüße, Verena
Hat das Blümchen einen Knick,
war die Hummel wohl zu dick.... :kicher:

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